Nichtraucher werden mit Kräuterzigaretten: Wie kann das funktionieren?
Kräuterzigaretten können beim Rauchstopp eine ganz bestimmte Funktion übernehmen: Sie trennen das Rauchen vom Nikotin. Man kann zunächst auf Nikotin verzichten, ohne gleichzeitig von einem Tag auf den anderen jede eingeübte Rauchhandlung aufgeben zu müssen. Danach verschwindet idealerweise auch die Kräuterzigarette wieder.
Das ist zumindest der Grundgedanke. Er findet sich sowohl im „Stop Smoking Plan“ des britischen Kräuterzigaretten-Herstellers Honeyrose als auch in Christine Engelbrechts Buch Leben ohne Nikotin – Die Kräuterzigarettenmethode. Beide Ansätze sind allerdings keine wissenschaftlich belegten Rauchentwöhnungstherapien. Wer Kräuterzigaretten dafür benutzt, sollte deshalb ziemlich genau verstehen, was sie leisten können – und was nicht.
Zwei Dinge auf einmal aufzugeben, macht den Rauchstopp nicht einfacher
Wer regelmäßig Zigaretten raucht, hat meist nicht nur ein Problem mit Nikotin. Das Deutsche Krebsforschungszentrumunterscheidet bei der Tabakabhängigkeit ausdrücklich zwischen körperlicher Abhängigkeit und psychischen beziehungsweise erlernten Anteilen. Zur körperlichen Seite gehören Entzugssymptome wie starkes Rauchverlangen, Nervosität, Schlaf- oder Konzentrationsprobleme. Daneben stehen Erwartungen und Gewohnheiten, die sich mit bestimmten Situationen verbunden haben: die Zigarette beim Warten, beim Telefonieren oder zusammen mit anderen Rauchern. (dkfz.de)
Bei einem klassischen Rauchstopp verschwinden beide Dinge gleichzeitig. Kein Nikotin mehr – und keine Zigarette mehr.
Genau hier setzt die Idee hinter der Kräuterzigaretten-Methode an: Man versucht, diese beiden Veränderungen zeitlich voneinander zu trennen.
Christine Engelbrecht beschreibt ihren Ansatz als eine Art eigenständiges Verhaltenstraining mit nikotinfreien Zigaretten. Entscheidend sei nicht einfach der Kauf einer Kräuterzigarette, sondern ein „Umlernen“ des Rauchverhaltens. Auf ihrer Website rät sie deshalb ausdrücklich dazu, die Methode zunächst zu verstehen und erst anschließend mit nikotinfreien Zigaretten zu beginnen. Der Verlag beschreibt das Konzept entsprechend als „Do-it-Yourself“-Verhaltenstherapie. (leben-ohne-nikotin.de)
Das ist als psychologisches Prinzip zumindest nachvollziehbar: Eine Abhängigkeit und eine Gewohnheit werden nicht zwingend im selben Moment angegangen.
Variante 1: Tabakzigaretten schrittweise ersetzen
Honeyrose verfolgt einen relativ mechanischen Ansatz. Der Hersteller empfiehlt, nach und nach einen wachsenden Teil der täglich gerauchten Tabakzigaretten durch nikotinfreie Kräuterzigaretten zu ersetzen. Wer beispielsweise in bestimmten Situationen fast automatisch raucht, lässt die Zigarette als Handlung zunächst bestehen, nimmt aber das Nikotin heraus. (honeyrose.co.uk)
Praktisch könnte das so aussehen: Zuerst werden einige leicht verzichtbare Zigaretten des Tages ersetzt. Später folgen die stärker ritualisierten. Am Ende werden keine Tabakzigaretten mehr geraucht. Die Kräuterzigaretten bleiben für eine Übergangszeit übrig und werden anschließend ebenfalls reduziert.
Der Vorteil dieses Vorgehens liegt auf der Hand: Der Schritt von zwanzig Tabakzigaretten auf null Zigaretten wird in mehrere kleinere Veränderungen zerlegt.
Seine Schwäche ebenfalls. Solange noch einzelne Tabakzigaretten geraucht werden, bekommt der Körper weiterhin Nikotin. Wie angenehm oder unangenehm der Übergang verläuft und ob die Reduktion tatsächlich in vollständige Abstinenz mündet, lässt sich nicht verlässlich vorhersagen.
Die von Honeyrose genannten Zeitpläne sollte man deshalb als Herstellermethode verstehen, nicht als medizinisch abgesicherte Entwöhnungsdauer.
Variante 2: Erst Nikotin beenden, die Rauchhandlung vorläufig behalten
Etwas radikaler lässt sich derselbe Gedanke anwenden, indem man ab einem festgelegten Tag überhaupt keine Tabakzigaretten mehr raucht und bei starkem Wunsch nach der Handlung ausschließlich zu einer nikotinfreien Kräuterzigarette greift.
Hier wird der körperliche Nikotinentzug nicht schrittweise hinausgezögert. Das vertraute Ritual steht währenddessen aber noch zur Verfügung.
Der interessante Moment kommt danach. Wer eine Kräuterzigarette raucht und anschließend feststellt, dass bestimmte Situationen plötzlich weniger zwingend wirken als früher, kann anfangen, auch die Handlung wegzulassen. Eine Kräuterzigarette am Nachmittag wird nicht ersetzt, sondern schlicht gestrichen. Dann vielleicht eine weitere.
Die Kräuterzigarette wäre in diesem Modell kein dauerhaftes Ersatzprodukt, sondern eine Brücke, deren Zweck darin besteht, irgendwann überflüssig zu werden.
Ein einfacher Plan braucht trotzdem ein paar Regeln
Wer diesen Weg ausprobieren möchte, sollte vorab festlegen, was eigentlich das Ziel ist. „Ich rauche jetzt Kräuterzigaretten statt normaler Zigaretten“ ist noch kein Rauchstopp.
Sinnvoller ist ein begrenzter Übergang:
Zuerst beobachten. Welche Zigaretten werden wirklich wegen starken Verlangens geraucht – und welche hauptsächlich aus Routine?
Dann eine klare Entscheidung über das Nikotin treffen. Entweder wird schrittweise ersetzt oder ab einem bestimmten Termin vollständig auf Tabakzigaretten verzichtet. Ein ständiger Wechsel ohne Plan macht schwer erkennbar, ob sich tatsächlich etwas verändert.
Kräuterzigaretten nicht rationieren, um sie wertvoller zu machen. Ihre Funktion besteht gerade nicht darin, zum neuen Lieblingsprodukt zu werden.
Sobald die Tabakzigaretten verschwunden sind, die zweite Phase beginnen. Jetzt werden auch die Kräuterzigaretten weniger. Nicht jede ehemalige Rauchpause braucht einen neuen Rauchinhalt.
Reynard kann in einem solchen Vorgehen beispielsweise als nikotinfreie Kräuterzigarette verwendet werden. Die Füllung besteht aus fermentiertem Damiana (Turnera diffusa); enthalten sind weder Tabak noch Nikotin, zusätzliche Kräutermischungen oder Aromastoffe. Entscheidend ist dabei aber nicht die Pflanze selbst. Für eine Wirkung von Damiana als Mittel zur Rauchentwöhnung gibt es hier keine belastbare Grundlage. Die relevante Eigenschaft für dieses Prinzip ist schlicht: Die Zigarette enthält kein Nikotin.
Der unbequeme Punkt: Rauch bleibt Rauch
Bei einer Kräuterzigarette verschwindet das Nikotin. Die Verbrennung verschwindet nicht.
Eine Laborstudie von 2015 fand im Rauch einer untersuchten koreanischen Kräuterzigarette unter anderem Teer, Kohlenmonoxid und weitere toxische Verbrennungsprodukte. Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung kam bei den getesteten Kräuterzigaretten in Indien ebenfalls zu dem Ergebnis, dass deren Emissionen keineswegs harmlos waren und bei einigen Messgrößen auf einem ähnlichen oder höheren Niveau lagen als bei den untersuchten Tabakzigaretten.
Daraus lässt sich nicht ableiten, dass jede Kräuterzigarette exakt dasselbe Schadstoffprofil besitzt. Sehr wohl lässt sich daraus ableiten, dass „pflanzlich“ und „nikotinfrei“ keine Gesundheitsversprechen sind. (pubmed.ncbi.nlm.nih.gov)
Für Nichtraucher ergibt sich daraus ein ziemlich einfacher Rat: Es gibt keinen vernünftigen Grund, wegen dieser Methode mit Kräuterzigaretten anzufangen.
Für Raucher liegt die mögliche Funktion an einer anderen Stelle. Die Kräuterzigarette soll nicht gesundes Rauchen ermöglichen. Sie soll – wenn die Methode für die betreffende Person funktioniert – ein vorübergehendes Werkzeug sein, um irgendwann gar keine Zigarette mehr zu brauchen.
Und wenn der Nikotinentzug zu stark ist?
Dann sollte man die Sache nicht unnötig heroisch angehen.
Für Nikotinersatztherapie, Vareniclin und verhaltensorientierte Unterstützung gibt es wesentlich bessere wissenschaftliche Belege als für Kräuterzigaretten. Aktuelle medizinische Empfehlungen sehen insbesondere in der Kombination aus Beratung beziehungsweise Verhaltenstherapie und medikamentöser Unterstützung einen wirksamen Weg. Bei Nikotinersatz wird unter anderem die Kombination eines länger wirkenden Präparats wie eines Pflasters mit einem schneller wirkenden Mittel empfohlen. (register.awmf.org)
Wer stark abhängig ist, bereits mehrfach gescheitert ist oder ausgeprägte Entzugssymptome bekommt, sollte Kräuterzigaretten daher nicht als Ersatz für ärztliche Beratung oder etablierte Entwöhnungshilfen betrachten.
Die Kräuterzigaretten-Methode beantwortet eine andere Frage: Was macht man mit dem Teil des Rauchens, der nicht in einem Nikotinrezeptor stattfindet?
Vielleicht liegt genau darin ihr interessantester Gedanke. Man muss die Zigarette nicht zwingend in einem einzigen heroischen Moment aus seinem Leben entfernen. Man kann zuerst das Nikotin herausnehmen, beobachten, was vom Rauchen übrig bleibt – und sich anschließend auch davon verabschieden.





